Reiten: „Wie ein zweites Leben“

Reiten: „Wie ein zweites Leben“

Reiten: „Wie ein zweites Leben“

Reiten ist relativ: Relativ aufwendig, relativ dreckig, relativ teuer und relativ gefährlich. Natürlich gibt es aufwendigere, dreckigere, teurere und gefährlichere Hobbys. Sicher keine schöneren.

 

Von Jessica Bunjes

 

Reiten ist generell der Umgang mit dem Pferd. Das kann man auch beim Voltigieren oder Kutschfahren tun, im Spring-, Dressur- oder Westernsattel. Auf einem Islandpferd oder mit einem Shetland-Pony an der Hand.

Der bekannte Melsdorfer Unternehmer Wolfgang Böttcher, Inhaber des Bauträgers Böttcher Haus-Exclusiv, beispielsweise sagt: „Reiten ist mein zweites Leben.“ Seinen fünfzigsten Geburtstag hat er schon sehr lange hinter sich gelassen. 28 Jahre um genau zu sein. Was den Chef von Böttcher Haus-Exclusiv, der in seinem Heimatdorf rund 200 Einfamilienhäuser und verschiedene Gewerbeobjekte schlüsselfertig erstellt hat und der als Jugendlicher ritt, nicht daran hinderte, noch Jahre über sein erstes halbes Lebens-Jahrhundert hinaus in den Jagdsattel zu steigen. „Mit 51 Jahren habe ich mir mein erstes Pferd gekauft“, erzählt der Mann, der irgendwann sogar züchtete und gut 20 Pferde zeitgleich sein Eigen nannte. Das besagte erste kaufte er beim Doppel-Olympiasieger Hinrich Romeike. „Es sollte gleich ein richtiges sein.“ Mit zwei anderen wurde seine Bereiterin Johanna Michaels Landes- (Filuzius) und Weltmeisterin in der Vielseitigkeit (Fair Play).  Mit etwa 60 Jahren wurde er Landesmeister in der Dressur bei den „Oldies“ (SAR-Cup), und 1992 kletterte Wolfgang Böttcher noch in den Jagdsattel. Aus dem plant er derzeit nicht auszusteigen. „Wenn man im Job ist, und der ist manchmal nicht ganz einfach, braucht man einen guten Ausgleich – das ist für mich das Reiten.“

Reiten ist quasi ein Oberbegriff für ein Miteinander. Kein Teamsport. Ein Miteinander nicht zwischen Menschen, sondern zwischen Mensch und Pferd. Nach Feierabend reicht das völlig, nicht nur Wolfgang Böttcher. Reiten ist Abenteuer, denn Pferde sind Fluchttiere. Reiten ist Freiheit. Es gibt wenig Regeln, außer die, die das Handling eines 700 Kilo-Vierbeiners so mit sich bringt. Reiten ist Verantwortung. Zunächst für ein Lebewesen, dann für sich selbst und für die eigene Selbstbeherrschung. Reiten bedeutet Disziplin, nicht nur, was die Überwindung des eigenen Schweinehundes für das Treiben von Reitsport bei minus zehn Grad im Schneetreiben angeht. Reiten ist Überraschung, denn Lebewesen ist Lebewesen, mit allem, was an Launen und Unpässlichkeiten auf beiden Seiten dazu gehört (siehe: Selbstbeherrschung).

Und Reiten holt jeden immer wieder sehr schnell auf den Boden der Realität zurück – egal was für Höhenflüge er außerhalb einer Reitbahn so erlebt. Summa summarum gibt es kaum eine Beschäftigung, die so viel Sport kombiniert mit so viel Wesen, die so viel über die eigene Selbsteinschätzung lehrt, so viel Selbstvertrauen stärkt und die so viel Flexibilität und Lösungsbereitschaft fordert.

Reiten: Es gibt kein schöneres Hobby!
Foto: Thomsen

Denn versuchen Sie mal, einem Pferd etwas abzufordern, das es partout nicht will. Natürlich gibt es immer wieder Idioten, die das mit Brutalität probieren. Glücklicherweise zeigt sich denen jedoch spätestens, wenn es darauf ankommt, wer am Ende am längeren Hebel sitzt. Und das ist in brenzligen Situationen nie derjenige, der versucht, ein Fluchttier über Gewalt und nicht über Vertrauen zu bewegen.

Ob das „Glück der Erde … auf dem Rücken der Pferde“ liegt, muss jeder für sich selbst und sicher nicht nach dem Lesen von ein paar geschriebenen Zeilen beantworten. Für nicht ganz 40.000 Menschen im Land zwischen den Meeren ist Reiten zumindest so wichtig, dass sie sich in einem der etwa 380 Reit- und Fahrvereine eingeschrieben haben oder ihrem Sport in einem der rund 400 Pferdebetriebe im Land nachgehen. Etwa nochmal so viele praktizieren dieses Hobby, ohne offiziell organisiert zu sein. Gut 400 Millionen Euro lassen sich diese Menschen den Pferdesport Jahr für Jahr allein im Reiterland Schleswig-Holstein kosten. Übersetzt heißt das: drei bis vier Pferde sichern laut Statistik des Pferdesportverbandes Schleswig-Holstein einen Arbeitsplatz. Das macht bei 100.000 Pferden und Ponys rund 30.000 Arbeitsplätze im Land. Bundesweit reiten, fahren und voltigieren rund 1,7 Millionen Menschen und laut einer Studie des Marktforschungsinstituts Ipsos würden 1,1 Millionen Menschen gerne reiten. Wolfgang Böttcher schaut nach Feierabend, wenn er nicht grade selbst reitet, auf die angrenzende Koppel, wo eine Handvoll Ponys läuft. „Einfach herrlich“, sagt er. Er hat sein Glück gefunden.

 

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Kielux, dem Lifestyle-Magazin für Kiel und Umgebung. www.kielux-magazin.de

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